Montag, 18. Mai 2009

Und ewig ruft der Rennsteig...

...nachdem man ihn einmal laufend bewältigt hat!
Wir haben es geschafft. In 8 Stunden und 15 Minuten finishten Matthias und ich den 72,7km langen Supermarathon. Ein unvergessliches Erlebnis für mich!

Der Tag X begann um 2 Uhr in der Nacht. Unser Shuttlebus sollte um 3Uhr40 ab Schmiedefeld, dem Zielort, abfahren. Ich frühstückte wie immer, Kaffee und Honigbrötchen. Der Blick auf die Uhr war etwas befremdlich, doch ich spürte nur die Aufregung und das steigende Adrenalin in meinen Adern. Wir parkten auf einer matschigen Wiese und stiegen wie Todgeweihte in den Bus zur Hinrichtung. Gott sandte uns ein Zeichen, denn er ließ den Motor des Busses vorübergehend und mitten auf der Autobahn Richtung Eisenach, dem Startort, ausgehen. Zehn Minuten zitterten alle mitfahrenden Teilnehmer, ob wir es noch pünktlich zum Start schaffen. Doch es ging weiter und wir kamen 40 Minuten vor dem Start in Eisenach an. Nachdem ich panisch und in höchster Not Toiletten suchen musste, von denen wie immer viel zu wenig vorhanden waren, mich vordrängeln musste, um nicht schon mit nassen Hosen starten zu müssen, versuchten wir uns auf das Bevorstehende zu konzentrieren. Pünktlich um 6 Uhr wurden 2000 Läufer auf die Strecke entlassen. Ich hatte Hunger, das Frühstück lag schon lange zurück. Die Thüringer Berge kamen schnell und heftig. Ab Kilometer 10 entschloss ich mich für einen Temporückgang und Gehen an den Steigungen. Matthias lief weiter und schnell war er aus meinen Sichtfeld verschwunden. Immer wieder brabbelte ich mein hilfreiches Laufmantra, während mein Puls stieg und stieg. Ich war zum ersten Mal ohne Eigenverpflegung unterwegs und auf das angewiesen, was angeboten wurde - Wasser und Isogetränke. Leider gab es nur Wasser mit Kohlensäure, gesüßtes Wellnesswasser, Tee und Cola. Ich probierte Wasser mit Kohlensäure, was mir schnell Seitenstiche und Magenbeschwerden verursachte. Also Wellnesswasser. Aber auch das entpuppte sich als nicht kompatibel mit meinem Vitargo verwöhnten Läufermagen. Den Tee und dessen verheerende Wirkung kannte ich vom Vattenfallhalbmarathon, also ließ ich gleich die Finger davon. Ich geriet in akute Flüssigkeitsnot und tankte weiter Wellnesswasser. Bereits nach 20km und 2 Laufstunden spürte ich die nicht enden wollenden Steigungen in meinen Oberschenkeln. Ausdauer, Kraft und Mut...immer wieder spulte ich die Worte in meinen Kopf ab. Ausdauer, Kraft und Mut...ich stellte sie mir geschrieben vor, in Farbe, schwarzweiß, in Bewegung, zerlegte sie in Silben...Ausdauer, Kraft und Mut. Der Hunger nagte an mir und meinen Energiereserven. An jedem Versorgungspunkt stopfte ich zerstückelte, matschige Bananen in meinen Schlund und spülte mit Wellnesswasser hinterher. Doch der Zucker in dem Wasser hob die Wirkung der Bananen auf, so dass ich spätestens nach zwanzig Minuten wieder Hunger hatte. Da half nur eins - Haferschleim! An der nächsten Versorgungsstelle griff ich einen Becher und kippte ihn ohne vorher den Inhalt zu inspizieren in meinen hungrigen Schlund. Lecker! Fruchtig und süß machte mich diese Geheimrezeptur satt. Der Inselsberg stand kurz bevor, zeigten die Wanderschilder an. Die Steigungen nahmen immer mehr zu, niemand von den Läufern lief mehr, alle gingen in straffen Schritten dem Gipfel entgegen. Ich spürte meinen Magen, der gegen den Haferschleim rebellierte. Oder war es das Wasser? Ich überlegte kurz, ob es sinnvoll ist, das ganze wieder hinauszubefördern. Aber durch meine Konzentration bewältigte ich auch dieses Problem und den Inselsberg dazu. Die Temperaturen sanken, oben auf dem Berg war es neblig und ich war froh, mein Shirt nicht wie geplant am Start weggeworfen zu haben, so dass ich etwas überziehen konnte. Meine Hände waren dick geschwollen und klamm. Aber ich fühlte mich noch immer gut und konzentriert. Einen langen Abschnitt ging es dann abwärts, der für heftige Stöße im Rücken und in den Kniegelenken sorgte, aber den Antrieb etwas entlastete und an den Steigungen verlorene Minuten wieder aufholen ließ. Der Hunger meldete sich wieder und die Energiereserven neigten sich dem Ende zu. Der Mann mit dem Hammer winkte aus der Ferne, ich musste dringend etwas unternehmen. Am nächsten Getränkestützpunkt experimentierte ich. Ich mixte einen Becher Vitacola mit Wasser. Nachdem ich mich wieder in Bewegung gesetzt hatte, suchte sich die Kohlensäure lautstark einen Weg nach draußen, aber das war mir egal. Ich spürte den Zucker durch meine Adern wandern und die Muskeln mit frischer Energie versorgen. Die Ebertswiese kündigte sich mit lauter Musik und Publikum an. Ich nahm erneut einen Becher Haferschleim - Heidelbeersuppe genannt. War lecker, aber nicht das richtige für meinen Magen. Ich beschloss, bei Cola zu bleiben. Die Hälfte war nun geschafft, 37,4km in knapp vier Stunden. Ich dachte an den letzten Marathon und dass ich um diese Zeit längst im Ziel war. Eine wenig Wehmut kam in mir auf und ich spürte meine steigungsmüden Beine. Ausdauer, Kraft und Mut...ich versuchte mich wieder ganz auf mich und die Bewegung zu konzentrieren. Und es gelang mir, abzutauchen. Ich spürte das Lächeln in meinem Gesicht und die Leichtigkeit meiner Beine. Ich hatte ein Runners High! Kilometer 40 war passiert, Kilometer 45...immer wieder Cola und Wasser...die Zeit verging, mein Kopf schwieg, ich war zu einer Maschine geworden. Doch dann kehrte der Hunger zurück. Heftiger als zuvor. Der Zucker in der Cola forderte seine Tribut mit heftigen Insulinausschüttungen. Ich spürte meine Knie weich werden, mir wurde schwindlig und flau. Da tauchte der Grenzadler vor mir auf. Powergel war mein Gedanke - ich brauche dringend Powergel! Aber es gab kein Powergel. Dafür roch es nach Bratwurst und Grillfleisch. Zwei Becher Cola mussten mich nun bis zur nächsten Verpflegungsstelle bringen. Und wieder ging es berghoch. Mit forschen Schritten und der Vision von fettigen Bratwürsten, Bratkartoffeln und riesigen Portionen Nudeln erklomm ich den nächsten Anstieg. Sechs Stunden waren inzwischen vergangen. Die nächste Getränkestelle ließ ich aus, nur Bier, Wasser mit Kohlensäure und Tee...keine Cola. Ich bekam Angst. Es ging immer noch straff bergauf. Ausdauer, Kraft und Mut...ich klammerte mich an mein Mantra...abtauchen, nichts mehr spüren, Ausdauer, Kraft und Mut...! Die Wege wurden ebener, trockener und leichter zu laufen. Ich kam gut voran. Und da tauchte Matthias vor mir auf. In einem leichten Anflug von Tempowahn spurtete ich nach vorn, tippte ihm locker auf die Schulter und freute mich über die Wiederbegegnung. Matthias ging es offenbar nicht ganz so gut, er kämpfte mit den Steigungen und mit sich selbst. Er legte auch auf relativ ebenen Abschnitten Gehpausen ein und schickte mich weiter. Ich lief allein weiter.
An der nächsten Versorgungsstelle gab es dann endlich Powergel! Eine schnelle Mixtur aus Cola, Wasser und Powergel, zusammen mit Bananenstücken und Brot mit Salz, die ich in mich hineinstopfte, dämpfte ich das Hungergefühl und beruhigte meinen Magen. Ich fühlte mich gut, hochmotiviert, denn es waren nur nicht mal mehr 20km zu laufen. Und dann tauchte Matthias wieder auf. Wir hatten nur noch 12km vor uns. Oder hatte ich mich verrechnet? Die Straßenschilder irritierten. Unsere Strecke führte weiter durch den Wald. Die Steigungen waren nun mäßig und gut zu laufen. Ich freute mich, fühlte, wie sich bereits die Endorphine in meinem Körper stauten. Doch plötzlich explodierte etwas in meinen Körper. Vermutlich die viele Cola oder die Mischung der letzten Versorgungsstation. Ich versuchte mich auf meine drei Wörter zu konzentrieren...Ausdauer, Kraft und Mut. Ausdauer,Kraft und Mut...doch meine Körper rebellierte endgültig. Ich musste loswerden, was mir zu schaffen machte. Es lagen noch ca. 6km und 40 Laufminuten vor uns. Nach einem beherzten Sprung in die Büsche ging es mir besser. Der Weg führte nun mehr bergab. Das jedoch schier endlos. Ich überlegte, ob man in Thüringen die Kilometer doppelt zählt. Auch Matthias wartete ungeduldig auf das Kilometerschild mit der 70. Fußgänger kamen uns entgegen, klatschten und beglückwünschten uns. Sollten wir dem Ziel nahe sein? Und dann tauchte es vor uns auf: Kilometer 71! Die Endorphine explodierten in mir, ich spürte das Strahlen in meinen Gesicht. Immer mehr Leute säumten den Wegesrand, klatschten, riefen etwas wie "bald habt ihr es geschafft"...und dann führte der Weg aus dem Wald auf eine Straße...Leute klatschten, riefen mir zu "Schaut, sie lächelt noch!"...und ich wusste, wir hatten es geschafft. Dann kam die Absperrung, Musik ertönte, ich entdeckte Günni und die Kinder, die uns zujubelten. Ich riss die Arme hoch, schrie vor Freude, die Leute am Zieleinlauf klatschten, unsere Namen wurden genannt und wir überquerten gemeinsam die Ziellinie. Marco wartete und nahm mich in den Arm. Alle physische und psychische Anstrengung fiel in einem von mir ab und ich begann zu weinen. Wir hatten es tatsächlich geschafft. 72,7km lagen hinter uns! Und es war der geilste Lauf, den ich je gelaufen bin!!!!

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