Der Schorfheidelauf liegt nun schon einige Zeit hinter mir. Zeit genug, um die Niederlage verdaut zu haben. Ich hatte die Strecke maßlos unterschätzt, so dass ich wie ein Anfänger in alle Fallen getappt bin, die ein Marathon bereit hält. Dennoch - und ich denke, das kann man als Trostpreis gelten lassen - bin ich mit einer Zeit von 3 Stunden und 57 Minuten in der Gesamtwertung 33. von fast 90 Läufern, 5. in der Gesamtfrauenwertung und 2. in der Altersklasse 35 geworden. Ein kurzer Rückblick:
Ich stehe in der kleinen, kalten Kirche von Altkünkendorf, einem kleinen Dorf in mitten des Biosphärenreservates Schorfheide. Schöne Gegend, habe ich auf dem Weg dorthin gedacht. Und so hügelig. Der junge und dynamische Veranstaltungsleiter gibt eine kurze Streckeneinweisung. Das erste Mal, dass ich soetwas vor einem Lauf erlebe. Die Notwendigkeit wird mir erst später bewusst. Er spricht von losem Sand, abgemähten Wiesen, Baumwurzeln und Steigungen. Meine Aufregung lässt die Herstellung von Zusammenhängen nicht mehr zu. Hinter mir stehen zwei freundlich lächelnde und kichernde ältere Damen. "Wir laufen zum ersten Mal Marathon", sagen sie. Na dann viel Glück, denke ich und erinnere mich an das Höhenprofil. Die Marathonläufer formieren sich vor der Startlinie. die Gruppe ist übersichtlich, ich stelle mich mit nach vorn hinter zwei mit blauem T-Shirt mit der Aufschrift Sporthochschule Greifswald. Angeber! Hinter mir muckiert sich ein älterer Herr über meine Kompressionssocken. Pah, wir werden ja sehen, wer als erster im Ziel ist! Der Startschuss fällt, die Gruppe setzt sich in Bewegung - sehr schnell, kann ich noch denken, und versuche mit der Spitzengruppe mitzuhalten. Die ersten Hügel treiben meinen Puls ans Limit, ich merke, dass ich viel zu schnell laufe. Dennoch hoffe ich auf einen Gewöhnungseffekt, wie ich ihn bei Tempoläufen oft habe. Am Anfang tut das Schnelllaufen immer weh. Kilometer sieben passiere ich nach 34 Minuten. Ich laufe unter 5 Minuten pro Kilometer - neue Bestzeit für mich. Wenn dieser Lauf ein 10-Kilometer-Wettkampf gewesen wäre, hätte ich mich an dieser Stelle gefreut. Da ich aber noch über dreißig vor mir habe, wächst die Verzweiflung in mir. Bei Kilometer 10 bin ich am Ende. Ich lege die erste Gehpause ein, Seitenstechen plagen mich, das Plätschern meines Trinkrucksackes nervt mich. Die Spitzengruppe ist längst weg. Ich bin allein mitten im Wald, der Boden ist glitschig feucht. Ein Mann steht am Rand, lächelt mir aufmunternd zu, während ich ans Aufgeben denke. Nein, Kerstin, lauf weiter! Ich setze mich wieder in Bewegung. Einige Läufer überholen mich. Ich wittere eine neue Chance, nicht allein durch die Hölle zu müssen und hänge mich an ihre Fersen. Aber auch sie sind offenbar genervt von meiner Plätscherei und lassen mich vorbei. Unbemerkt habe ich das Tempo wieder erhöht. Zu ständigen Steigungen kommen jetzt tatsächlich aufgewühlter Sand, der einem fast die Schuhe auszieht. An Laufen ist eigentlich nicht mehr zu denken. Selbst auf dem Randstreifen fällt jeder Schritt schwer. Ich bin wieder allein mit meinem rebellierenden Geist. Den Getränkestützpunkt lasse ich aus, schließlich habe ich zwei Liter Wunderbrause mit. Mein einziger Strohhalm. Falls ich hier in der Wildnis irgendwo liegenbleibe, kann ich mich - bei guter Einteilung - zwei Tage davon ernähren. Irgendwie wollen weder Zeit noch Kilometer vergehen. Ich überlege, ob ich die Hinweisschilder übersehen habe und wie viel der Strecke ich schon hinter mir habe. Plötzlich kommen mir Läufer entgegen. Ah, die Halbmarathonis, rotgesichtige, schnaufende Männer und Frauen, ich überlege am Abzweig, ins andere Lager zu wechseln. Die Überlegung dauerte zu lange, so dass ich mich automatisch auf der Marathonstrecke weiterbewege. Die Füße laufen nun im Automatikmodus, ich kämpfe nur noch gegen den Teufel in meinem Kopf. Am nächsten Versorgungsstützpunkt bietet mir der nette Herr einen Müsliriegel an. "Sie müssen sich stärken für die zweite Hälfte.", sagt er. Aha, erste Hälfte ist geschafft, frohlocke ich. Na dann, auf zum Endspurt. Durch die Bäume kann ich sehen, dass die Strecke aus dem Wald heraus und über ein Feld führt. Puh, eine Verschnaufpause für meine steigungsmüden Beine. Ich laufe zuversichtlich aus dem Wald und spüre den starken Wind, der mich wie eine Gummiwand zurückschleudert. Verdammt, warum dieser Lauf und nicht der Berlin-Marathon, denke ich und stelle mich dem Wind. Ich habe das Gefühl, nur noch langsam vorwärtszukommen. Aber ich bin nicht mehr allein, vor mir tauchen andere Läufer auf, ebenso kaputt, ebenso verzweifelt wie ich. Am nächsten Getränkestützpunkt gönne ich mir einen Becher Wasser. Dann geht es hinab an das Ufer eines Sees. Schöne Strecke, ich laufe hinter zwei Männern. Die Wurzeln und das ständige Auf und Ab erfordern höchste Konzentration, was bei mittlerweile 26 oder 28 absolvierten Kilometern nicht mehr so einfach ist. Einer der Männer stürzt und macht einen zirkusreifen Überschlag ins Gebüsch. Alles in Ordnung, keine Verletzungen, tapfer läuft er weiter. Ich lasse die beiden hinter mir. Mir geht es besser, ich denke ans Ziel. Von meiner Zielzeit 3 Stunden 45 Minuten habe ich mich längst verabschiedet. Ich möchte nur noch ankommen. Und dann kommt er, der Berg, von dem der Veranstaltungsleiter so liebevoll berichtete, der Berg am Ende, bei Kilometer 30, der dem Läufer noch einmal alles abverlangt, der Berg, der geliebt und gehasst wird. Ich bin den Tränen nahe, denn der Weg windet sich serpentinenartig in den Himmel. Ich kann nicht mehr, ich will nicht mehr. Vor mir ein Läufer, der mich vor einer Stunde überholt hat. Ich versuche ein Stück bergan zu laufen, tausend Mal im Training geübt, schnell und langsam, das muss doch gehen. Keine Chance, mein Kopf blockiert die Beine. Ich gehe und stelle fest, auf diese Art wesentlich schneller vorwärts zu kommen als laufend. Einer der Streckenposten klatscht mir zu und sagt, das ich es bald geschafft habe. Ich drohe mit Prügel, falls er lügen sollte. Tatsächlich hat der Berg irgendwann ein Ende. Ich laufe wieder, bergrunter, ebenso schmerzhaft wie bergauf. Ich habe keine Ahnung, wo die Kilometer geblieben sind, aber plötzlich steht auf dem Schild eine 40. Nur noch zwei Kilometer, läppische zwei Kilometer, denken ich und kann wieder lächeln. Ein Blick auf die Uhr, 3 Stunden 45 Minuten, Zielzeit adè. Egal, Hauptsache ich bin durch und trete auf den ersten Grasbuckel. Die letzten zwei Kilometer führen über eine abgemähte Wiese. Wie grasende Kühe wackeln andere Läufer vor mir her. Ich erinnere mich ans Füßeheben, treibe mich noch einmal an, los Kerstin, lauf um dein Leben. Ich setze zum Endspurt an, lasse noch einige Männer hinter mir. Plötzlich hört die Wiese auf, Pflastersteine, die den gleichen Laufuntergrund bilden wie eine abgemähte Wiese, meine Beine schreien vor Schmerz und ich hoffe, mir auf den letzten Metern nicht noch einen Knöcheln zu brechen. Ich höre Musik. Klingt so der Eintritt ins Paradies? Ich erhöhe das Tempo, laufe um die Ecke, sehe das Ziel, laufe, laufe, laufe. Geschafft! Tränen in den Augen und völlig am Ende lasse ich mich im Ziel fallen. Die Siegerehrung für die Erstplatzierten beginnt bereits. Ich bin einfach froh, dass ich im Ziel bin und denke an nächstes Jahr - Rennsteig ich komme!
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